Gerbstedt ist ein besonderer Fall in Sachsen-Anhalt. Aber kein Einzelfall: "Landesweit steigt das Grundwasser", sagt Matthias Weiland vom Gewässerkundlichen Landesdienst beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW). Gründe: die massiven Regenfälle und - in einigen Landesteilen - das Hochwasser. "Beim Regen liegen wir deutlich über den Durchschnittswerten", sagt der Geograph. Er sucht ein Beispiel aus seiner Liste: In Harzgerode liegt das so genannte langjährige Monatsmittel für November bei 49 Millimetern. Das heißt: Soviel Niederschlag ist während einer 30 Jahre dauernden Messreihe jeden November durchschnittlich in dem Harzort gefallen. "Zurzeit sind wir aber schon bei 99 Millimetern." Das bekommen auch die Gerbstedter zu spüren: Innerhalb von acht Tagen, berichtet Lüdicke, sei der Pegelstand in seinem Keller um 17 Zentimeter gestiegen. Und das Wasser muss schließlich irgendwo hin.
Auch das aus den Flüssen. Bei hohen Pegelständen, wie derzeit etwa in der Schwarzen Elster im Kreis Wittenberg, laufe es in den Untergrund ab, erklärt LHW-Experte Weiland - und lasse den Grundwasserspiegel steigen. Vermehrt registriert der Landesbetrieb für Hochwasserschutz Anfragen von Landwirten, die sich um ihre Felder sorgen, die unter Wasser stehen. "Das Grundwasser ist so stark angestiegen, dass es quasi am Nullpunkt angekommen ist", schildert Richard Reiß, Vorstand der Milch-Agrargenossenschaft Kemberg (Kreis Wittenberg). Vor allem in Senken bildeten sich kleine Seen. Betroffen sind laut Landesbauernverband vor allem Flussauen, so an Elbe und Schwarzer Elster im Kreis Wittenberg, im Elbe-Urstromtal bei Aken (Anhalt-Bitterfeld) oder in der Egelner Mulde (Salzland), wo die Bode fließt.
Überall dort hat der Grundwasseranstieg verheerende Folgen: Stünden die Pflanzen nicht ganz unter Wasser, so bekämen sie zumindest "nasse Füße", sagt Christian Apprecht vom Landesbauernverband. "Dann faulen sie und sterben ab." Verschärft werde das Problem, weil durch verstopfte Drainagen oder Gräben das Wasser oft nicht abfließen könne.
Landwirt Richard Reiß aus Kemberg geht davon aus, dass allein entlang der Elbe im Kreis Wittenberg rund 20 000 Hektar Land betroffen seien. Je nach Fläche seien zwischen zehn und 40 Prozent davon bereits überflutet, bei den übrigen stehe das Wasser direkt unter der Oberfläche. In Mitleidenschaft gezogen würden vor allem Winterweizen, Wintergerste und Raps. Reiß rechnet allein für seinen Betrieb mit Ausfällen von mehr als 300 000 Euro. Die Kemberger Genossenschaft baut nicht nur Brotgetreide an, sondern auch Futtergetreide für den Eigenbedarf - rund 1 800 Rinder stehen in den Ställen. Reiß spricht von einem immensen Verlust: "Ich weiß noch nicht, wie wir das verkraften sollen."
Der Landesbauernverband will jetzt gemeinsam mit verschiedenen Beteiligten nach Lösungen suchen. Denn für die einwandfreie Funktion von Drainagen auf den Feldern etwa seien die Landwirte selbst verantwortlich, sagt Christian Apprecht vom Verband. Für das Säubern von Gräben dagegen die örtlichen Unterhaltungsverbände und für die Flüsse der Landesbetrieb für Hochwasserschutz.
Lösungen wünschen sie sich auch in Gerbstedt. Olaf Lüdicke und einige Nachbarn haben inzwischen eine Bürgerinitiative gegründet, sie haben den Stadtrat und den Bürgermeister um Hilfe gebeten. Nun werde immerhin an verschiedenen Stellen gebohrt, so Lüdicke, um zunächst Grundwasser-Messstellen zu installieren. Und um dann - vielleicht - auf eine Ursache zu stoßen für das Wasser in den Kellern. "Ich hoffe es", sagt Olaf Lüdicke, "unsere Geduld ist langsam am Ende."


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